Details
ISBN/EAN: 978-3-921897-90-4
Einband: kartoniertes Buch
Weitere Details
Illustrator:
Frauke Boggasch
Frauke Boggasch
Auflage:
1. Auflage 2019
1. Auflage 2019
Erschienen am:
11.10.2019
11.10.2019
Sprache:
Deutsch
Deutsch
Umfang:
148 S.
148 S.
Format (T/L/B):
1.2 x 21.2 x 14.8 cm
1.2 x 21.2 x 14.8 cm
Hersteller:
Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V.
Martina El Meskioui
vertrieb@bvss.de
Zülpicher Straße 58
DE 50674 Köln
www.bvss.de
Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V.
Martina El Meskioui
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Zülpicher Straße 58
DE 50674 Köln
www.bvss.de
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'Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!'
Texte zu positiven Aspekten des Stotterns
Beschreibung
Stottern ist nicht selbstverständlich. Das Wiederholen, Dehnen und Blockieren von Lauten, Silben oder Wörtern stört den reibungslosen Ablauf mündlicher Kommunikation und irritiert. Daraus resultieren bei stotternden Menschen in vielen Fällen negative Gefühle. Angst, Schuldempfinden, Wut und Scham begleiten das Stottern und beeinträchtigen das Leben vieler Betroffener stark. In dem Wissen, dass Stottern oftmals als Defizit erfahren wird, versuchen alle Beiträge dieses Buchs trotzdem einmal probeweise einen vollkommen anderen Blick darauf zu werfen. Sie zeigen: Wenn stotternde Menschen es schaffen, sich den kleinen-großen Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, die eigene Redeunflüssigkeit ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Die Texte stammen mit einer Ausnahme ausschließlich von Betroffenen, also von ExpertInnen in eigener Sache. Manche von ihnen sind zudem Fachleute, die als SprechtherapeutInnen arbeiten. Mut in der Auseinandersetzung mit der Sprechbehinderung Stottern ist ihnen allen gemeinsam.
Leseprobe
Einleitung Filippo Smerilli Stottern ist ein ausdrucksstarkes Phänomen. [] Stottern lässt keinen kalt - den Sprecher nicht und auch nicht den Zuhörer.1 Mit diesen Worten charakterisiert der Psychologe, Mitbegründer der Selbsthilfe für stotternde Menschen in Deutschland und langjährige Stottertherapeut Wolfgang Wendlandt treffend die doppelseitige Wirkung der gestörten kommunikativen Interaktion beim Stottern. Ganz und gar nicht kalt lässt das Stottern dabei in der Regel insbesondere die Betroffenen selbst. Vielmehr begleitet eine innere, nicht sichtbare emotionale Symptomatik die verschiedenen äußeren, sicht- und hörbaren Symptome: das Verlängern, Blockieren oder Wiederholen von Wörtern, Silben oder Lauten; das Verkrampfen und Zittern der Sprech- oder anderer Muskulatur; die unkontrollierten Mitbewegungen von z.B. Kopf, Armen, Beinen usw. Im Normalfall dominieren negative Gefühle die Einstellung gegenüber der sich derart äußernden eigenen Behinderung, jedenfalls solange die Redefluss-Störung und ihre Begleitsymptome nicht bearbeitet wurden, z.B. im Rahmen einer seriösen logopädischen Therapie. Am häufigsten von den Betroffenen genannt wird als ein das Stottern begleitendes Gefühl die Angst, die sich bis zur Panik steigern kann; andere mit dem Stottern verbundene typische Gefühle sind Scham, Verlegenheit, Schuld, Frustration und Aggression; und zuletzt beeinflusst das Stottern bzw. der Umgang der Betroffenen mit dieser Sprechunflüssigkeit oft die Wahrnehmung der eigenen Identität und bedingt ein negatives Selbstbild2. Vor diesem Hintergrund erscheint es als ein zumindest mutiges, wenn nicht arg gewagtes Unterfangen, ein Buch zu positiven Aspekten des Stotterns herauszuge-ben. Deshalb sei gleich zu Beginn betont: Das Leiden am Stottern, das häufig und zumindest phasenweise stark ausgeprägte Unglück der Betroffenen ist uns als Herausgebern sehr wohl bekannt. Wir stottern beide selbst und haben unseren eigenen Weg im Umgang mit unserer Sprechbehinderung erst in langen Jahren finden müssen - wir sind wie viele andere stotternde Menschen sogar immer wieder dabei, ihn neu zu finden. Und doch hat uns gerade auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrungen mit negativen Gefühlen dem Stottern gegenüber der Versuch interessiert, im Rahmen dieses Buchs einmal einen vollkommen anderen Blick auf die normalerweise als Defizit betrachtete und erfahrene Beeinträchtigung des Sprechens zu probieren. Gerade das Gewagte des beabsichtigten Perspektivwechsels hatte uns gereizt, als Michael Kofort vom Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe das Thema vorschlug. Eine der herausforderndsten und zugleich wichtigsten Aufgaben im Umgang mit dem eigenen Stottern ist unserer Erfahrung und unseres Wissens nach, dass es auf irgendeine Weise gelingt, eine versöhnliche Haltung gegenüber der eigenen Symptomatik und Beeinträchtigung zu entwickeln. Solange ich mich für meine Wiederholungen, Verzögerungen oder Blockaden schäme, mir die Schuld für sie gebe, mich vielleicht sogar dafür hasse, werde ich dem Stottern unmöglich etwas Positives abgewinnen können. Aber ist das deshalb prinzipiell unmöglich? Wir denken, dass das nicht so ist, und zwar obwohl Stottern geradezu zwangsläufig das Leben der davon betroffenen Menschen prägt und zweifellos schwieriger macht. Denn was wäre unser Alltag ohne sprachliche Kommunikation? Sei es in der Schule, im Studium, im Beruf oder im Privatleben; beim Einkaufen, im Café, in der Mensa oder am Bahnhof: Ohne zu sprechen, ist unser Alltag nur unter großen Schwierigkeiten zu bewältigen. Als stotternder Mensch begegnet man jeden Tag gerade beim Sprechen unzähligen kleinen Herausforderungen, die oft mit starken Gefühlen einhergehen. Sei es beim Bestellen eines Essens, beim Kauf einer Fahrkarte oder beim Ansprechen einer sympathischen Person immer stellt sich die Frage: Spreche und stottere oder vermeide ich? Damit verbunden sind andere Fragen: Bleibe ich hungrig oder nehme ich ggf. Spott in Kauf? Ertrage ich es, wenn ich nicht freundliche, sondern einmal mehr irritierte Blicke ernte? Stelle ich mich meiner Angst oder vermeide ich die Konfrontation mit ihr und ihrem Auslöser? Riskiere ich einmal mehr die Alternative Gelingen oder Versagen? Charles Van Riper, selbst Betroffener und einer der bis heute wichtigsten Stottertherapeuten des 20. Jahrhunderts, hat das Unglück stotternder Menschen einmal folgendermaßen beschrieben: [D]ie Schwierigkeit des Stotterers ist, leicht und ohne Abnormität zu kommunizieren. Das ist die Hauptquelle seines Unglücks. Er hungert nach erfolgreicher Kommunikation; er dürstet nach einer Sprechweise, die nicht durch die Frustration zeitweilig gebrochener Wörter, Silben und Laute gefärbt ist. Er leidet an dem Mangel an flüssigem Sprechen.3 Dieses durch die Unmöglichkeit, spontan bzw. willentlich flüssig zu sprechen, bedingte Unglück stotternder Mensch entsteht natürlich nicht aus dem Nichts. Wesentlichen Anteil an seiner Entstehung haben Diskriminierungserfahrungen, deren Ausgangspunkt in den meisten Fällen Vorurteile gegenüber dem Stottern sind. Noch immer ist diese nach derzeitigem Stand der Wissenschaft primär körperlich bedingte Sprechbehinderung4 überlagert mit Stereotypen. Stotternden Menschen unterstellt man gemeinhin zum Beispiel nach wie vor einen psychischen Defekt als Ursache ihrer Sprechunflüssigkeit. Man setzt voraus, sie seien besonders unsicher und nervös oder gar weniger intelligent als andere Menschen oder gekennzeichnet durch irgendeine andere psychische Anomalie 5. Auf die Konfrontation mit solchen Vorurteilen bzw. mit auf diesen basierenden Diskriminierungen reagieren viele Betroffene, indem sie Gespräche und sprachliche Interaktionen aller Art vermeiden. Der Grad des Vermeidens steigert sich gelegentlich bis hin zu einem umfassenden kommunikativen Rückzug, aus dem weitgehende soziale Isolation resultieren kann. Das sind für stotternde Menschen wesentliche Anlässe und konkrete Ursachen für ihr Leiden vor, während und nach jeder alltäglichen Kommunikation. Doch wenn Betroffene es schaffen, sich den kleinen-großen Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, das eigene Stottern ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren; wenn sie es schaffen, sich den mal implizit, mal explizit von Kommunikationspartner_in-nen vermittelten Stereotypen zu stellen und sich gegen sie zu wehren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Das zeigen alle in dieses Buch aufgenommenen Beiträge. Wichtig war uns von Anfang an, den Autor_innen zu vermitteln, dass uns durchaus auch Beiträge interessieren, die mit positiven Aspekten des Stotterns einhergehende Ambivalenzen und Brüche schildern. Die Texte sollten nicht um jeden Preis heile Welten darstellen. Denn auch mit einer veränderten Haltung gegenüber der bei Erwachsenen in der Regel nicht mehr heilbaren Redefluss- Störung wird schließlich nicht unvermittelt alles bisherige durch sie bedingte Leid ungeschehen gemacht und das Leben mit einem Mal ausschließlich leicht. Die größte Herausforderung für viele unserer Autor_innen war offenbar genau das, nämlich in ihren Texten weder alle Probleme zu ignorieren, die ihr Leben mit dem Stottern geprägt hatten, noch umgekehrt und ungeachtet unserer Themenstellung schlicht bei dieser Problematik zu verharren, ohne positive Aspekte auch nur zu erwähnen oder wenigstens ernsthaft und nachdrücklich in Erwägung zu ziehen. In einem von Wolfgang Wendlandt und vier Patient_innen für diesen Band verfassten, aus mehreren Einzeltexten bestehenden Beitrag spricht Ersterer in einem kurzen Vorsatz eine Hürde an, die in der Zusammenarbeit zu überwinden war. Nach einer ersten wenig ergiebig[en] Niederschrift habe er als Therapeut erst Raum schaffen müssen, um Widerstände und Vorbehalte dem Thema gegenüber [] artikulieren und die unversöhnliche Sichtweise dem eigenen Stottern gegenüber ausdrücken zu könne...